01.05. 2012
BELLA FIGURA
Text: Christoph Sauer
Liebe Neu-Berliner,
Liebe Touristen,
haben Sie jemals in Erwägung gezogen, den Wannsee mit dem Fahrrad zu umrunden? Versuchen Sie es lieber nicht. Sie werden - gesetzt den Fall, Sie starten gegen 19.00 Uhr vom S-Bahnhof Wannsee aus in nördlicher Richtung - nach knapp drei Stunden Fahrt im Bezirk Spandau ankommen, das Gewässer immer noch zur Linken. Womöglich werden Sie in der Dämmerung noch etwas weiter fahren, dann aber entnervt, verschwitzt und ausgehungert unweit des Funkturms ihr Rad abstellen und an einer drittklassigen Imbissbude zu Abend essen (denn in ein Restaurant wird man Sie in diesem Zustand unmöglich hineinlassen). Dann werden Sie sich mit der S-Bahn auf den Weg zurück nach Hause machen und gleich nach der zweiten Station von einem Fahrtkartenkontrolleur (der normalerweise seltenst auf dieser Strecke aufzufinden ist) darauf hingewiesen werden, dass Sie für Ihr Rad kein Ticket gelöst haben - Kostenpunkt: 40 Euro Bußgeld. Es wird dann gegen Mitternacht sein, dass Sie endlich zu Hause eintreffen und dann doch mal einen Blick in den Stadtplan werfen, den Sie eigentlich mitnehmen wollten, aber auf dem Esstisch vergessen haben, weil Sie kurz vor Verlassen Ihrer Wohnung durch den Anruf eines Servicemitarbeiters der Süddeutschen Klassenlotterie gestört wurden. Bei der Lektüre Ihres Stadtplans werden Sie nun feststellen, dass der Wannsee eben nicht so einfach umrundbar ist, weil es sich hierbei nämlich nicht um einen See im eigentlichen Sinne, sondern - hdyrologisch (also „wasserwissenschaftlich“) betrachtet - um eine Bucht der Havel handelt.
Um sich das alles zu ersparen, suchen Sie sich besser für Ihre nächste Radtour von vornherein eine andere Strecke aus. Zum Beispiel die „Große Grunewald-Seen-Tour“ (GGST). Dabei können Sie gleich drei Seen in überschaubarem Zeitraum bequem umrunden: Grunewaldsee, Krumme Lanke und Schlachtensee.
Allerdings sollten Sie sich auch hier auf einige Unwägbarkeiten gefasst machen. Denn Sie werden zum großen Teil durch ein offiziell ausgewiesenes Hundeauslaufgebiet fahren. Planen Sie also ein, dass Sie nicht nur die Seen, sondern eine Vielzahl an kleinen und großen Hunden sowie deren Besitzer umrunden und manchmal auch großräumig umfahren müssen. Bedenken Sie, dass Hunde die Straßenverkehrsordnung nicht im Kopf haben (merke: „Hunde kennen kein „Rechts vor Links!“). Auch kann es passieren, dass einer dieser Vierbeiner urplötzlich mitten auf dem Weg stehenbleibt, um das Beinchen zu heben. Spätestens jetzt sollten Sie sich mit den Bremsen Ihres Drahtesels vertraut gemacht haben. Im übrigen animieren aufgeregtes Klingeln und auffällige Neon-Kleidung den Hund zu überstürzter Kontaktaufnahme. Vermeiden Sie dieses!
Zur Not sind da ja noch Herrchen und Frauchen, die zwischen Radfahrer und Hund vermitteln: „Der macht nichts, der will nur jagen,“ rufen sie einem zu - und das meinen sie durchaus ernst. Vorsicht geboten ist auch bei der Formulierung „Schau mal, Hasso, Essen auf Rädern!“ In diesem Fall sollten Sie umgehend den Weg verlassen und über die Uferböschung direkt in den See springen. Hier können Sie dann endlich mit Dalmatinern, Rottweilern, Deutschen Doggen, Afghanischen Windhunden, American Indian Dogs und Bergamasker Hirtenhunden um die Wette schwimmen. Machen Sie dabei ein freundliches Gesicht, denn es gibt viele stolze Hundebesitzer, die ihrem Liebling eine eigene Facebook-Seite gewidmet haben und dafür mit ihrem Handy ein Video von „Strolchi‘s erstem Bad im Grunewaldsee“ drehen. Und da wollen Sie doch schließlich „bella figura“ machen, oder nicht? Apropos, das wäre doch eigentlich ein schöner Name für einen Hund: „Komm Gassi, Bella Figura! Heut sind wieder gaaanz viele Radfahrer unterwegs!“
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